NET 12/2025

34 www.net-im-web.de 12/25 arbeitet. Wer hier keine Harmonisierung schafft, baut Modelle auf unsicherem Fundament. Wo Pilotprojekte vielleicht noch funktionieren, geraten sie in der Praxis schnell ins Stocken. Ebenfalls weit verbreitet ist der Gedanke, KI sei eine bloße Sammlung isolierter Projekte. Ein Chatbot für den Kundenservice, ein Prognosemodell in der Logistik – all das mag kurzfristig Wirkung zeigen, bleibt aber Stückwerk. So entstehen Silos im Kleinen, während Unternehmen das große Ganze aus den Augen verlieren. KI funktioniert nicht als Add-on, sie muss in den Kern des Unternehmens eingebettet sein. Der Unterschied ist fundamental: Wer KI als Projekt denkt, wird langfristig im Klein-Klein hängen bleiben. Wer KI hingegen als grundlegendes Prinzip versteht, schafft Transformation. Darüber hinaus stellt die kulturelle Dimension einen weiteren wichtigen Strategiebaustein dar. Der Widerstand gegen KI entsteht seltener, weil Unternehmen mit der praktischen Umsetzung technischer Lösungen überfordert sind, sondern weil ein grundlegendes KI-Wissen fehlt und das Change Management ausbaufähig ist. Mitarbeitende sehen Technologie eher als Bedrohung an, wenn nicht eindeutig klar ist, welchen Nutzen sie für ihre Arbeit bringt. Besonders schwerwiegend wird es, wenn dieser Mangel an Verständnis in der Führungsetage sitzt. Viele Entscheider fordern KI, ohne die Grundlagen zu verstehen. Das Resultat ist eine – um im Bild zu bleiben – Executive Blindness: Strategische Entscheidungen, die ins Leere laufen, weil Führungskräfte selbst zu wenig über Künstliche Intelligenz wissen und Grundlagen nicht verstehen. Das ist fatal, denn: Unternehmen können eine wirkliche erfolgreiche KI-gestützte Transformation nur dann bewältigen, wenn an ihrer Spitze Menschen stehen, die Sinn und Funktionsweisen von KI im Kern verstanden haben. Auf was es jetzt ankommt Die Folgen von Operational Blindness sind aber nicht nur intern, sondern auch direkt am Markt deutlich spürbar. Viele Unternehmen investieren Millionen in KI-Systeme, während sich Kunden weiterhin mit umständlichen Prozessen, trägen Services oder überholten Apps gegenüber sehen. Der Widerspruch zwischen interner Selbstdarstellung und externer Wirkung wird hier schnell zum Wettbewerbsrisiko – weil aufgrund der Projekt-orientierten Umsetzung von KI das große Ganze aus dem Blickfeld verloren gegangen ist. Oder kurz gesagt: Innovation, die nicht beim Kunden ankommt, ist keine Innovation. Der beste Weg an diesen Stolpersteinen vorbei beginnt mit der intensiven Schulung von Führungskräften und einer konsequenten strategischen Verankerung. KI-Initiativen sollten nicht im luftleeren Raum entstehen, sondern auf konkrete Ziele hin geplant sein. Beispielsweise Wachstum, Effizienzsteigerung, Risikoreduktion oder Verbesserung der Kundenerfahrung. Unternehmen fahren damit also gewissermaßen zwei Züge gleichzeitig – den gewohnten Betrieb und die Transformation. Ohne klare Weichenstellung und verbindliche Prioritäten blockieren sich beide allerdings gegenseitig. Wichtig ist auch die Frage nach Kompetenzen. Kaum ein Unternehmen kann die komplexe Einführung von KI alleine bewältigen. Externe Partner können hier zum entscheidenden Faktor werden – allerdings nur dann, wenn sie nicht bloß Lösungen implementieren, sondern Wissen transferieren. Dabei geht es weder um klassisches Outsourcing noch zwingend um das langfristige Zukaufen. Wer KI im Unternehmen schnell, aber dauerhaft verankern will, sollte das Knowhow gezielt in die eigene Organisation holen – etwa mit cross-funktionalen Teams von spezialisierten Partnern. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Expertise wird über einen bestimmten Zeitraum in das eigene Unternehmen eingebettet, aus Externen werden Interne. Und das so lange, bis der Wissenstransfer erfolgreich abgeschlossen ist. Der eigentliche Fortschritt entsteht dabei, wenn KI als Prinzip und nicht als Selbstzweck in das Betriebssystem der Unternehmen eingeschrieben wird – in Strukturen, Prozesse und dem Personal, allen voran dem C-Level. Erst mit diesem Schritt, der in erster Linie auch einen Willen nach tiefgreifenden Veränderungen erfordert, verschwindet auch die Betriebsblindheit dauerhaft. Operational Blindness ist damit weniger ein technisches als ein kulturellstrategisches Problem. Unternehmen, die ihre blinden Flecken konsequent beseitigen, gewinnen deutlich mehr als nur Effizienz. Sie eröffnen sich neue Innovationsräume, schaffen reibungslose Kundenerlebnisse und steigern ihre Attraktivität für Fachkräfte. Vor allem aber verschaffen sie sich einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil in einer Wirtschaft, in der KI nicht länger Kür, sondern Kern für einen langfristigen unternehmerischen Erfolg ist. www.htec.com Unsichtbare Risiken in der KI-Transformation Alex Rumble Wer KI im Unternehmen schnell, aber dauerhaft verankern will, sollte das Know-how gezielt in die eigene Organisation holen – etwa mit cross-funktionalen Teams von spezialisierten Partnern

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