www.net-im-web.de 26 6-7/2026 DATEN- UND RECHENZENTZREN Europas Moment der Quantensouveränität Von wissenschaftlicher Exzellenz zu strategischer Infrastruktur Bernhard Reimann Über weite Teile der vergangenen zwei Jahrzehnte befand sich Europa in einer unbequemen Position innerhalb der globalen Technologieökonomie. Der Kontinent brachte Spitzenforschung, hochqualifizierte Ingenieure und anspruchsvolle Industriesysteme hervor, scheiterte jedoch wiederholt daran, diese Vorteile in dominante Technologieplattformen umzuwandeln. Amerikanische Unternehmen dominierten die Cloud-Revolution, chinesische Konzerne skalierten industrielle Kapazitäten in rasantem Tempo, und Europa fand sich häufig in der Rolle wieder, die Zukunft zu regulieren, anstatt sie selbst zu gestalten. Bernhard Reimann ist Chefredakteur der NET Quantencomputing könnte der erste große Technologiezyklus werden, in dem sich dieses Muster verändert. In Brüssel, Berlin, Paris und Helsinki werden Quantentechnologien längst nicht mehr als entfernte wissenschaftliche Kuriositäten betrachtet. Stattdessen gelten sie zunehmend als Instrumente wirtschaftlicher Resilienz, industrieller Wettbewerbsfähigkeit und geopolitischer Souveränität. Quantencomputing könnte die Lösung für mehrere Herausforderungen der europäischen Politik werden. Die Abhängigkeit von ausländischer Cloud-Infrastruktur, zunehmende Cyberbedrohungen, Fragen der Energiesicherheit, Probleme in den Halbleiter-Lieferketten sowie die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit Europas haben sich seit der Pandemie und dem Krieg in der Ukraine deutlich verschärft. Quantentechnologien berühren all diese Bereiche gleichzeitig. Die 2025 vorgestellte „Quantum Europe Strategy“ der Europäischen Kommission macht diesen Wandel deutlich. Brüssel verfolgt das Ziel, Europa bis 2030 zu einem globalen Marktführer im Quantenbereich zu entwickeln. Die Strategie definiert fünf Säulen: Forschung und Innovation, Quanteninfrastruktur, Industrialisierung des Ökosystems, DualUse-Verteidigungsanwendungen sowie Fachkräfteentwicklung. Bemerkenswert ist dabei, wie stark dieser Ansatz Europas umfassender Strategie technologischer Souveränität ähnelt. Die Roadmap der Kommission umfasst den Ausbau der EuroHPC-Quantenkapazitäten, den Aufbau eines Pilotprojekts für ein „Europäisches Quanteninternet“, die Stärkung sicherer Quanten-Lieferketten sowie die Integration von Quantenkommunikation in Programme wie Galileo und IRIS². Laut der Europäischen Kommission haben EU-Institutionen und Mitgliedstaaten in den vergangenen fünf Jahren rund 11 Die europäische Wirtschaft basiert auf vernetzter Infra- struktur und grenzüberschreitenden digitalen Systemen. Vor diesem Hintergrund hat Post-Quantum-Kryptografie eine strategische Bedeutung für Europa (Foto: Piebat, Pexels)
RkJQdWJsaXNoZXIy MjE2Mzk=