NET 6-7/2026

27 www.net-im-web.de 6-7/2026 Europas Moment der Quantensouveränität Milliarden Euro in Quantentechnologien investiert. Gleichzeitig verfügt Europa über tiefgreifende Kompetenzen in Bereichen wie Photonik, supraleitende Systeme, industrielle Mathematik und Hochleistungsrechnen. Europa mit Vorteilen Das europäische Quantenökosystem wird zunehmend dichter und koordinierter. Die Fraunhofer-Institute in Deutschland, das niederländische QuTech-Ökosystem, finnische Forschung im Bereich supraleitender Technologien, staatlich unterstützte Quanteninitiativen in Frankreich sowie Europas industrielle Fertigungsbasis bilden gemeinsam ein starkes Fundament. Das European Quantum Industry Consortium (QuIC), gegründet zur Vernetzung von Start-ups, Industrieunternehmen, Investoren und Forschungseinrichtungen, verdeutlicht, dass Europas Herausforderung in kommerzieller Skalierung und Umsetzung liegt. Das finnisch-deutsche Unternehmen IQM bereitet sich darauf vor, über eine geplante SPAC-Transaktion und ein mögliches Dual-Listing in Helsinki das erste börsennotierte europäische Quantencomputing-Unternehmen zu werden. Das Unternehmen gibt an, bereits Systeme an mehrere führende Supercomputing-Zentren weltweit geliefert zu haben. Gleichzeitig kündigte der niederländische Prozessor-Spezialist QuantWare kürzlich eine Finanzierungsrunde über 152 Millionen Euro an, um die nach eigenen Angaben weltweit größte spezialisierte Fertigungsanlage für Quantenchips in Delft auszubauen. Deutschland ist das beste Beispiel für die europäischen Quantenambitionen. Lange vor dem aktuellen Hype um generative KI und souveräne Rechenkapazitäten legten die Fraunhofer-Institute bereits die Grundlagen für angewandte Quantenforschung. Schon 2021 installierte IBM gemeinsam mit einem Fraunhofer-Konsortium den ersten kommerziellen Quantencomputer Europas in Deutschland. Sorgen werden größer Die deutsche Industrie entwickelte sich früh zu einem Testfeld praktischer Quantenanwendungen. Volkswagen setzte DWave-Quantenannealer zur Simulation von Verkehrsflüssen ein, während BMW Optimierungslösungen im Bereich Fertigungsrobotik untersuchte. Prof. Anita Schöbel, Direktorin des Fraunhofer-Instituts für Techno- und Wirtschaftsmathematik (ITWM) in Kaiserslautern, betonte, dass die bedeutendsten Durchbrüche möglicherweise weniger aus abstrakter Rechenleistung als vielmehr aus angewandter industrieller Mathematik entstehen werden. „Wir arbeiten an Projekten mit stochastischen partiellen Differentialgleichungen wie den Fokker-Planck-Gleichungen“, erklärte sie in einem Fraunhofer-Interview. „Diese werden genutzt, um Lithium-Ionen-Batterien und Windturbinen zu entwickeln, Granulatströme zu berechnen oder Preise im quantitativen Finanzwesen zu bestimmen. Diese Gleichungen lassen sich in quantenmechanische Gleichungen umwandeln, die Quantencomputer vermutlich wesentlich schneller lösen können.“ Cybersicherheit im Fokus Dieser Fokus auf industriellen Nutzen statt technologischer Inszenierung entwickelt sich zunehmend zur europäischen Quantenphilosophie. Zu beachten ist jedoch, dass kurzfristig die größte Auswirkung des Quantencomputings weniger aus Durchbrüchen in der Pharmaforschung oder Künstlichen Intelligenz resultieren könnte, sondern vielmehr aus massiven Veränderungen im Bereich der Cybersicherheit. Im Vordergrund steht hier die Sorge, dass zukünftige Quantensysteme die kryptografischen Grundlagen moderner digitaler Infrastruktur untergraben könnten. Die Diskussion um sogenannte „Harvest Now, Decrypt Later“-Angriffe hat sich schnell von theoretischen Szenarien hin zu konkreter strategischer Planung entwickelt. Das Prinzip ist einfach: Gegnerische Akteure könnten bereits heute verschlüsselte Kommunikation und sensible Daten sammeln, um diese zukünftig mit leistungsfähigen Quantencomputern zu entschlüsseln. Informationen über Verteidigungssysteme, Finanztransaktionen, Gesundheitsdaten, industrielles geistiges Eigentum oder Energieinfrastruktur könnten so auch in Jahrzehnten noch strategischen Wert besitzen. Für Europa wären die Konsequenzen erheblich. Die europäische Wirtschaft basiert auf vernetzter Infrastruktur, regulierten Industrien und grenzüberschreitenden digitalen Systemen. Ein zukünftiger Zusammenbruch kryptografischer Sicherheit würde nicht nur IT-Probleme verursachen, sondern Verwundbarkeiten in Finanzwesen, Energieversorgung, Transport und öffentlicher Verwaltung offenlegen. Vor diesem Hintergrund gewinnt Post-Quantum-Kryptografie eine strategische Bedeutung innerhalb Europas. In diesem Umfeld entsteht eine neue Klasse von Unternehmen, die als Infrastruktur-Enabler zwischen Hochleistungsrechnen und industrieller Anwendung fungieren. Eines davon ist SuperQ Quantum Computing, ein kanadisches Unternehmen, das sich über Partnerschaften, hybride Computing-Lösungen und Initiativen im Bereich quantensicherer Verschlüsselung zunehmend an Europas industriellen und sicherheitspolitischen Prioritäten orientiert. SuperQ konzentriert sich auf Orchestrierung und Zugänglichkeit. Die Plattform „Super“ sowie die ChatQLM-Architektur sollen Rechenlasten dynamisch zwischen klassischen Hochleistungsrechnern, Optimierungssystemen, Quantenannealern und gatebasierten Quantenplattformen verteilen. Und zwar über dialogbasierte Benutzeroberflächen statt hochspezialisierter Programmiersprachen. Denn die meisten Unternehmen benötigen kaum den direkten Zugang zu

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