NET 6-7/2026

36 www.net-im-web.de 6-7/2026 Netzebene 4: Die Glasfaser kommt im Keller an Dies ist einer der Gründe, weshalb eine gründliche Planung bei allen Bauvorhaben der Schlüssel für die erfolgreiche Umsetzung ist. „Der Bau- oder Projektleiter muss eine Begehung vor Ort durchführen“, so Henning, „er muss sich die Gebäudeinfrastruktur ansehen, mit dem Eigentümer sprechen und genau verstehen, welche Anforderungen das Objekt stellt. Genau diese Vorarbeit wird jedoch häufig unterschätzt. Viele Unternehmen berücksichtigen nicht, wie viel Zeit und Kosten schon in der Planungsphase entstehen.“ NE4 verlangt individuelle Planung Darüber hinaus gibt es noch ein strukturelles Problem. In der Hochphase des Tiefbaus war Skalierung das zentrale Prinzip: Trassenmeter, Kolonnen, Genehmigungen, Bauabschnitte, Materialverfügbarkeit. In der Netzebene 4 funktioniert Skalierung anders. Hier lässt sich nicht jedes Gebäude nach demselben Schema abarbeiten. So kann ein Rollout über 500 Wohneinheiten aus 80 kleinen Sonderfällen bestehen. In einem Objekt wird durch vorhandene Leerrohre eingeblasen, in einem anderen muss ein neuer Steigkanal gesetzt werden, in einem dritten verhindert der Brandschutz die geplante Leitungsführung, in einem vierten lehnt die Eigentümergemeinschaft die sichtbare Montage ab und in einem fünften besteht Asbestverdacht. Aktivierungsprobleme Gerade bei Bestandsgebäuden wird deutlich, dass der Glasfasermarkt nicht nur ein Ausbaubedarf-, sondern auch ein Aktivierungsproblem hat. Zwar werden viele Anschlüsse technisch näher an die Kunden gebracht, doch die letzte Meile bleibt herausfordernd. So kann ein Gebäude angeschlossen sein, ohne dass jede Wohnung sinnvoll versorgt ist. Die Glasfaser endet im Keller, während der Bewohner im dritten Obergeschoss weiterhin über VDSL oder Kabel online geht. Das ist nicht nur eine technische Lücke, sondern auch eine Vermarktungslücke. Wer Glasfaser verkaufen will, muss nicht nur Bandbreite versprechen, sondern den Zugang zur Wohnung sicherstellen. „Bei vorhandenen Koaxial- oder Kupfernetzen nutzen viele Hauseigentümer diese aus wirtschaftlichen Gründen gerne weiter. Das spart Kosten und vermeidet Eingriffe“, sagt Nele Henning. Allerdings bleibt eine solcher hybrider Ansatz immer nur eine Zwischenlösung. Wer die Glasfaser im Keller auf alte Gebäudenetze übergibt, verschenkt einen Teil ihres Potenzials. „Ein reines Glasfasernetz bietet deutlich mehr Potenzial“, sagt Henning. „Trotzdem entscheiden sich viele im ersten Schritt für die Kosteneinsparung.“ Ein Praxisfall zeigt die Ambivalenz. In einem Bestandsobjekt mit 24 Wohnungen existiert eine funktionsfähige Koaxialverteilung. Der Eigentümer möchte keine neuen Leitungswege im Treppenhaus. Der Netzbetreiber kann die Glasfaser bis in den Keller bringen und die interne Versorgung zunächst über die vorhandene Infrastruktur lösen. Für viele Mieter reicht das kurzfristig. Doch sobald symmetrische Gigabitdienste, niedrige Latenzen, stabile Uploads oder spätere XGS-PON-Migrationen relevant werden, stößt das Modell an seine Grenzen. Spätestens dann wird klar, dass es kosteneffektiver gewesen wäre, die Glasfaser direkt bis in die Wohneinheiten zu führen. Dass dies nicht immer so einfach ist, räumt Nele Henning ein. „Manchmal haben die installierenden Unternehmen gar nicht die Möglichkeit, parallel zu den bestehenden Leitungen noch Glasfaser zu verlegen. Wenn Technikräume voll sind oder vorhandene Wege belegt sind, muss ich zunächst an das bestehende Netz andocken.“ Dieses Vorgehen ist zwar technisch nicht ideal, aber in manchen Gebäuden die einzige realistische Lösung. „In solchen Fällen nimmt man dann negative Effekte in Kauf, weil die bauliche Situation oder die Kostenentscheidung des Eigentümers es nicht anders zulässt.“ Zwischen Wunsch und Realität Kritisch betrachtet ist genau das der Punkt, an dem der Markt ehrlicher werden muss. Die Branche spricht gerne von Zukunftssicherheit, baut aber im Bestand häufig Übergangslösungen. Das ist vor dem Hintergrund verständlich, da Eigentümerbudgets, Mieterduldung, Bauzustand und Terminlogistik reale Grenzen setzen. Aber es erzeugt zwangsweise eine zweite Modernisierungswelle. Was heute aus Kostengründen hybrid bleibt, muss möglicherweise morgen erneut angepasst werden. Für Netzbetreiber und Dienstleister kann Mit Netzebene 4 muss die Glasfaserbranche vom Ausbau in Flächen zur Arbeit im Bestand übergehen. Das sind neue Voraussetzungen. Im Gebäude bleibt die Installation sichtbar, messbar, nutzbar oder störend (Grafik: Netceed)

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