46 www.net-im-web.de 6-7/2026 Digitalisierung, Vergabe und Künstliche Intelligenz geschaffen. Aber die Prozesse selbst sind zu unterschiedlich, zu föderal zersplittert, und oft scheitert Digitalisierung nicht an der Technik, sondern an Besitzstandswahrung und überzogenen Datenschutzforderungen. Der Verweis auf ‚kritische Infrastruktur‘ wird zum Totschlagargument. Wo es funktioniert, steckt fast immer ein Mensch dahinter, der sich kümmert: ein ‚Baumensch‘. Wo es nicht funktioniert, dominieren die ‚Kerzenausbläser‘.“ NET: Wie kann Künstliche Intelligenz heute schon konkret im Infrastrukturausbau und Vergabewesen unterstützen? S. Gasper: „Mit einer KI wie Reiner AI kann man heute bereits identifizieren, welche Ausschreibungen wirklich relevant sind, passgenaue Vergaben filtern, Risiken identifizieren und Teilnahmeanträge vorbereiten. Außerdem hilft unsere KI dabei, das interne Projekterbe – alte Berichte, Pläne, Protokolle – und das darin verschlossene Wissen nutzbar zu machen. Der Mensch bleibt verantwortlich, aber er startet nicht mehr bei null.“ M. Becker: „Was KI-Agenten wie Reiner AI leisten, ist bereits praxistauglich: automatische Unterstützung bei Vergaben oder Baustellenvermerken. Entscheidend ist, dass die KI Arbeit abnimmt, nicht zusätzliche Schulung erfordert. Die öffentliche Hand braucht Werkzeuge, die selbsterklärend funktionieren und die Prozessschritte entlasten.“ Ch. Schäffer: „Bei uns sehen wir KI bereits in der Klassifizierung von Ausschreibungen, der Unterstützung beim Ausfüllen von eForms oder in intelligenten Suchfunktionen. Auch die automatische Prüfung von Unterlagen oder die Auswertung großer Datenmengen wird ein immer wichtigerer Beitrag. KI beschleunigt nicht den Rechtsrahmen – aber sie kann die Arbeit im Rahmen der Vorgaben erheblich erleichtern.“ NET: Wo sehen Sie die größten Vorbehalte oder Hemmnisse bei der Einführung digitaler Lösungen in der öffentlichen Verwaltung? M. Becker: „Viele Verwaltungen beginnen gar nicht erst. Die Rathäuser sind zu klein, zu überlastet oder zu zerstritten in Zuständigkeitsfragen. Die Folge: Infrastrukturwissen geht täglich verloren. Baugruben werden mehrfach geöffnet, weil Daten nicht geteilt werden. Der digitale Zwilling wird seit Jahrzehnten diskutiert, aber er kommt nicht voran. Dazu kommt ein unstrategisches Vorgehen und zu wenig Zusammenarbeit zwischen Kommunen.“ Ch. Schäffer: „Ein großer Hemmschuh ist die Angst vor falschen Entscheidungen: Datenschutz, IT-Sicherheit, Vergaberecht – all das muss berücksichtigt werden, und das schafft Unsicherheit. Gleichzeitig fehlen Zeit, Personal und Know-how, um neue Systeme einzuführen. Wenn Mitarbeitende fühlen, dass Digitalisierung zusätzliche Belastung bedeutet, sinkt die Akzeptanz.“ S. Gasper: „Viele kennen KI bisher nur als Chattool, nicht als Werkzeug, das ganze Arbeitsprozesse beschleunigen kann. Wo Orientierung fehlt, entstehen auch Ängste, etwa die Sorge, ersetzt zu werden. Wir sehen zudem organisatorische Silos, die nicht gerade helfen: IT, Fachbereiche, Vergabe und Recht arbeiten oft nebeneinander statt miteinander. Der angesprochene Ressourcenengpass ist ein Paradox: Der Verwaltungsapparat wächst, die Belastung wächst mit. Das zeigt, dass digitale Werkzeuge bislang nicht dort ansetzen, wo sie wirklich entlasten könnten.“ NET: Gibt es Best-Practice-Beispiele, die zeigen, wie Digitalisierung im Bau- und Vergabebereich gelingen kann? Ch. Schäffer: „Unser Weg zur ersten digitalen Vergabe Europas im Jahr 2001 zeigt, wie technologischer Mut, rechtliche Klarheit und enge Zusammenarbeit mit der Verwaltung zusammenwirken müssen. Durchgängig digitale Prozesse – vom Download bis zum Zuschlag – sind heute Standard und der Schlüssel zu Effizienz und Revisionssicherheit.“ S. Gasper: „Im Planungsbereich hat der Stufenplan Digitales Planen und Bauen Anstöße gegeben. Was mich aber besonders positiv stimmt, ist, dass KI über viele Branchen hinweg schon heute konkrete und messbare Mehrwerte liefert. Wir sehen bei unseren Kunden täglich, wie sie KI in ihre bestehenden Arbeitsabläufe integrieren. Ich Markus Becker Entscheidend ist, dass die KI Arbeit abnimmt, nicht zusätzliche Schulung erfordert. Die öffentliche Hand braucht Werkzeuge, die selbsterklärend funktionieren und die Prozessschritte entlasten Wir werden KI mehr als inhaltlichen Sparringspartner sehen und nicht mehr als reine Anwendung Die automatische Prüfung von Unterlagen oder die Auswertung großer Datenmengen wird immer wichtiger
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