NET 6-7/2026

06-07/2026 Netzwerke Security Kommunikation Smart Technology Netzebene 4 mit Problemen Die Glasfaser kommt nur im Keller an SIEM versus XDR versus NDR Welche Systeme schützen wirklich vor Cyberattacken? IT Zeitschriften GbR, Friederike-Fliedner-Weg 34a, 40489 Düsseldorf Mobilfunkanbieter müssen umdenken Satellitenkommunikation wird zum Wachstumshebel Digitalisierung, Vergabe und KI Bau und Verwaltung müssen zukunftsfähig werden

4 www.net-im-web.de Inhalt Kommunikationsmanagement Satellitenkommunikation entwickelt sich für Mobilfunknetzbetreiber vom technolo- gischen Nischenthema zu einem strategischen Hebel. Treiber dieser Entwicklung sind keine neuen technischen Möglichkei- ten, sondern strukturelle Veränderungen in zentralen Geschäftsfeldern: ein weitgehend gesättigter Privatkundenmarkt sowie ein dynamisch wachsendes, anspruchsvolleres Geschäftskundensegment. Seite 10 Daten- und Rechenzentren Über weite Teile der vergangenen zwei Jahrzehnte befand sich Europa in einer unbequemen Position innerhalb der globalen Technologieökonomie. Der Kontinent brachte Spitzenforschung, hochqualifizierte Ingenieure und anspruchsvolle Industriesysteme hervor, scheiterte jedoch wiederholt daran, diese Vorteile in dominante Technologieplattformen umzuwandeln. Amerikanische Unternehmen dominierten die Cloud-Revolution, chinesische Konzerne skalierten industrielle Kapazitäten in rasantem Tempo, und Europa fand sich häufig in der Rolle wieder, die Zukunft zu regulieren, anstatt sie selbst zu gestalten. Seite 26 Netze Der Hausanschluss ist gesetzt, die Glasfaser liegt im Keller, der Netzbetreiber meldet Fortschritt. In der Statistik zählt das Gebäude womöglich bereits als erschlossen. Doch zwei Stockwerke höher entscheidet sich, ob aus Infrastruktur wirklich ein nutzbarer Anschluss wird: kein freier Steigschacht, ein Eigentümer, der keinen sichtbaren Kabelkanal im Treppenhaus akzeptiert oder ein Leerrohr mit zu engem Biegeradius sind häufig die Herausforderungen. Seite 35 Netzbetreiber und -dienste Die öffentliche Infrastruktur in Deutschland steht unter enormem Druck: Sanie- rungsstau, Fachkräftemangel, komplexe Vergabeverfahren und wachsende gesetzliche Anforderungen prägen den Alltag von Kommunen und anderen Branchenakteuren. Gleichzeitig eröffnet die Digitalisierung neue Chancen, um Prozesse effizienter, transparenter und resilienter zu gestalten. Doch wo stehen wir wirklich? und welche Hürden bremsen Innovation aus? Seite 45 06-07/2026 Netzwerke Security Kommunikation Smart Technology Netzebene 4 mit Problemen Die Glasfaser kommt nur im Keller an SIEM versus XDR versus NDR Welche Systeme schützen wirklich vor Cyberattacken? IT Zeitschriften GbR, Friederike-Fliedner-Weg 34a, 40489 Düsseldorf Mobilfunkanbieter müssen umdenken Satellitenkommunikation wird zum Wachstumshebel Digitalisierung, Vergabe und KI Bau und Verwaltung müssen zukunftsfähig werden (Titelbild: Divinetech, Pexels) (Foto: Deutsche Telekom) Kritische Kommunikation NIS-2, KRITIS, Cyber Resilience Act: Das Thema Cybersicherheit ist für Betreiber und IT-Abteilungen in deutschen Unternehmen aktueller denn je. Der Cyber Resilience Act schafft Abhilfe, indem er die Verantwortung stärker auf Produkt- ebene verlagert. Somit verpflichtet er Hersteller und Händler, Cybersicherheit über den gesamten Produktlebenszyklus zu verankern. Auch Zutrittskontrollsyste- me sind sie heute fester Bestandteil der IT-Sicherheitsarchitektur. Seite 17 (Foto: Elvtimemaster, Pixabay) 6-7/2026 (Foto: Fernando Zhiminaicela, Pixabay) (Foto: Susanne Plank, Pixabay) (Foto: Piebat, Pexels)

www.net-im-web.de 7 DS GVO wird jedes Jahr aufwendiger Zehn Jahre nach dem Start der der europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DS-GVO) ist der Datenschutz in den Unternehmen fest verankert. Zugleich werden Aufwand, Komplexität und Rechtsunsicherheit von Jahr zu Jahr größer. Während Anfang 2018, kurz vor Anwendbarkeit der DS-GVO, erst 7 Prozent der Unternehmen die Vorgaben vollständig oder größtenteils umgesetzt hatten, sind es 2024 bereits 71 Prozent. Im gleichen Zeitraum hat sich die Wahrnehmung der DS-GVO als Belastung jedoch dramatisch verstärkt: 2016 sagte ein Viertel der Unternehmen (25 Prozent), die DS-GVO mache ihre Geschäftsprozesse komplizierter, 2025 sind es 81 Prozent. 84 Prozent der Unternehmen berichten 2024, dass ihr Aufwand für den Datenschutz seit Einführung der DS-GVO gestiegen ist. 2025 bewerten 97 Prozent den Aufwand für Datenschutz als hoch, davon 44 Prozent als sehr hoch. Haben 2020 noch 40 Prozent der Unternehmen beklagt, dass Deutschland es mit dem Datenschutz übertreibt, sind es mit 72 Prozent im Jahr 2025 fast doppelt so viele. Das sind Ergebnisse einer Langzeitbefragung, für die Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom seit 2016 jährlich Unternehmen ab 20 Beschäftigten in Deutschland repräsentativ befragt, zuletzt 603 Unternehmen aus allen Branchen. Die Ergebnisse wurden im Studienbericht „10 Jahre DS-GVO“ veröffentlicht. „Datenschutz ist keine lästige Pflicht, er ist eine zentrale Säule der digitalen Welt“, sagt Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. „Die Erwartungen an die DS-GVO wie einheitlichere Wettbewerbsbedingungen in Europa, mehr Rechtssicherheit und weniger bürokratischer Aufwand nach der Umstellungsphase haben sich allerdings nicht erfüllt. Mit der Neuausrichtung des Datenschutzes auf das KI-Zeitalter steht jetzt die nächste Herausforderung ins Haus.” 6 von 10 Unternehmen (59 Prozent) sehen den europäischen Datenschutz im internationalen Vergleich zwar grundsätzlich als Vorteil für die KI-Entwicklung in Deutschland und Europa, in der Praxis erleben sie jedoch das Gegenteil. Zwei Drittel (69 Prozent) sagen 2025, der Datenschutz erschwere es, KI-Modelle mit genügend Daten zu trainieren. 63 Prozent sind überzeugt, dass der Datenschutz Unternehmen, die KI entwickeln, aus der EU vertreibt. Auch beim Aufbau von Datenpools, der Grundlage vieler KI- und Analyseanwendungen, berichten 59 Prozent der Unternehmen, dass entsprechende Projekte aufgrund von Datenschutzvorgaben gescheitert sind oder gar nicht erst in Angriff genommen wurden. Auch das sind deutlich mehr als noch 2020 mit 41 Prozent. “Wir brauchen eine Reform, die den Datenschutz dort stark macht, wo echte Risiken für Menschen entstehen”, so Wintergeist. www.bitkom.org Alcatel Lucent baut Notfallkommunikation aus ALE International stellt seine neuesten Innovationen für die KI-gestützte Notfallkommunikation vor. Alcatel-Lucent hilft damit Organisationen der öffentlichen Sicherheit, auch unter schwierigsten Bedingungen schneller und effektiver zu handeln. Mit ausfallsicherer Infrastruktur, einheitlicher Kommunikation und fortschrittlicher KI liefern sie missionskritische Informationen in Echtzeit. Missverständnisse in Notfällen können die Reaktion verzögern und die Risiken erhöhen. Alcatel-Lucent setzt hier an: Die neue Echtzeit-Transkription wandelt gesprochene Worte sofort in lesbaren Text um – automatisch übersetzt in mehrere Sprachen. Real-Time Text (RTT) ergänzt dies, indem es eine Zeichen-für-Zeichen-Kommunikation ermöglicht, wenn Sprache nicht praktikabel oder sicher ist. Diese Funktionen fördern den Informationsfluss und verbessern die Zusammenarbeit zwischen Behörden. Gleichzeitig stärken sie die inklusive Notfallhilfe. Für schnellere und fundiertere Entscheidungen können Sprachanrufe nahtlos in Echtzeit-Video ohne App-Installation oder Authentifizierung umgewandelt werden. Während die Audiokommunikation bestehen bleibt, erhalten Disponenten und Einsatzkräfte einen visuellen Einblick in die Lage vor Ort. So können sie Risiken besser einschätzen, Ressourcen gezielt einsetzen und Einsätze präziser koordinieren. Diese Funktion markiert einen entscheidenden Fortschritt über die reine Sprachkommunikation im Notfall hinaus. www.al-enterprise.com TRENDS & FAKTEN GDA beauftragt Rechtsgutachten Die German Datacenter Association (GDA) hat eine Initiative gestartet, um Rechenzentren gesetzlich als Infrastruktur im überragenden öffentlichen Interesse anzuerkennen. Hierzu hat der Verband der Rechenzentrumsbranche in Deutschland ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben. Ziel ist es, rechtliche Handlungsoptionen aufzuzeigen, wie Planungs- und Genehmigungsverfahren für Rechenzentren damit beschleunigt, rechtssicher ausgestaltet und stärker an der strategischen Bedeutung digitaler Infrastrukturen ausgerichtet werden können. Die Initiative knüpft an die Nationale Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung an, die eine Verdopplung der Rechenkapazitäten bis 2030 und eine Vervierfachung der Kapazitäten für KI-Anwendungen vorsieht. Das Gutachten soll eine fundierte Grundlage für die politische Diskussion schaffen und aufzeigen, wie Rechenzentren als Gegenstand überragenden öffentlichen Interesses anerkannt werden können. Ziel der Initiative ist es, somit die politischen und rechtlichen Voraussetzungen für einen beschleunigten Ausbau moderner Rechenzentrumsinfrastruktur zu verbessern. www.germandatacenters.com 6-7/2026

12 www.net-im-web.de 6-7/2026 KOMMUNIKATIONSMANAGEMENT Jens Kameke ist Produktmanager und verantwortlich bei der fonial GmbH für das Online-Marketing Jens Kameke Die Telefone in Arztpraxen und medizinischen Einrichtungen stehen kaum still: Terminvereinbarungen, Rezeptanfragen, Rückfragen zu Befunden oder organisatorische Anliegen bestimmen den Alltag am Empfang. Gleichzeitig müssen Patientinnen und Patienten betreut, Abläufe koordiniert und Dokumentationen geführt werden. Die Folge: lange Warteschleifen, verpasste Anrufe und ein hoher organisatorischer Druck für Praxisteams. Genau hier setzt die KI-gestützte Telefonassistenz an. Immer erreichbar, besser versorgt KI-Telefonassistenten entlasten Arztpraxen und Gesundheitseinrichtungen KI-gestützte Telefonassistenten verändern die Erreichbarkeit im Gesundheitswesen nachhaltig. Sie entlasten Praxisteams, strukturieren Abläufe und sorgen dafür, dass keine Patientenanfrage verloren geht (Foto: Joel Fazhari, Pixabay) Eine KI-gestützte Telefonassistenz nimmt Anrufe automatisch entgegen, versteht die Anliegen der Anrufenden und reagiert unmittelbar: Termine werden vereinbart oder verschoben, Rezeptwünsche aufgenommen, Informationen dokumentiert und strukturiert an das Praxisteam weitergegeben. Für Patientinnen und Patienten fühlt sich das wie ein natürliches Gespräch an – ohne lange Wartezeiten oder mehrfaches Weiterverbinden. Technisch basiert die Lösung auf einer IP-fähigen Telefonanlage wie beispielsweise der fonial Cloud PBX. Diese leitet eingehende Anrufe an die KI weiter und integriert die Informationen anschließend wieder in die bestehenden Praxisabläufe. Im Hintergrund sorgen Cloud-Schnittstellen dafür, dass Kalender, Praxissoftware oder E-MailSysteme angebunden werden können. Für die Einrichtung selbst bleibt vieles vertraut: Die bestehende Telefonie bleibt erhalten, während die Prozesse dahinter intelligenter und effizienter werden. „Der KI-Telefonassistent ist kein Ersatz für die Telefonanlage – er ist ihre logische Erweiterung. Wer bereits eine fonial Cloud-Telefonanlage nutzt, kann den KI-Assistenten in unter zehn Minuten live schalten, ohne Anbieterwechsel und ohne IT-Aufwand“, erklärt Jens Kameke, Produktmanager bei der fonial GmbH. Sobald ein Gespräch beginnt, greifen Spracherkennung und Sprachverarbeitung ineinander. Sagt ein Patient beispielsweise: „Ich müsste meinen Termin nächste Woche verschieben und brauche außerdem ein Folgerezept“, erkennt die KI nicht nur einzelne Wörter, sondern die eigentliche Absicht. Sie prüft freie Zeitfenster, schlägt passende Termine vor und dokumentiert gleichzeitig die Rezeptanfrage. Dadurch gehen keine Informationen verloren, und das Praxisteam kann direkt weiterarbeiten. Zusätzlich unterstützt der Assistent mehrere Sprachen wie Deutsch und Englisch – ein Vorteil insbesondere für Praxen mit internationaler Patientenschaft.

13 www.net-im-web.de 6-7/2026 Immer erreichbar, besser versorgt Auch im Krankenhausumfeld kann die KI-gestützte Telefonassistenz unterstützen. Interne Rückfragen zwischen Stationen, Terminabstimmungen oder externe Anfragen von Patientinnen und Patienten lassen sich vorqualifizieren und strukturiert weiterleiten. Pflegekräfte und Verwaltung werden dadurch entlastet, während Anliegen schneller an die richtige Stelle gelangen. Zudem entscheidet im Hintergrund eine intelligente Routing-Logik, was automatisiert erledigt wird und wann ein Mensch übernehmen sollte. Routineanfragen laufen selbstständig durch, komplexere oder sensible Themen werden gezielt weitergeleitet – inklusive aller bereits gesammelten Informationen. Integration in bestehende Systeme Wie reibungslos die Einbindung funktioniert, zeigen Lösungen wie ScaleTalk, ein von fonial zertifizierter KI-Partner, der auf die Kompatibilität mit der fonial Cloud-Telefonanlage geprüft wurde. Das offene Partnermodell ermöglicht es Gesundheitseinrichtungen, bestehende Telefonnummern und Funktionen weiterhin zu nutzen. Gleichzeitig lassen sich Kalender, E-Mail-Systeme oder Praxisverwaltungssoftware anbinden, sodass Termine automatisch abgestimmt und Informationen direkt weitergeleitet werden können. Dadurch entsteht ein durchgängiger Kommunikationsfluss – vom ersten Anruf bis zur finalen Bearbeitung. Auch außerhalb der regulären Sprechzeiten bleibt das System aktiv. Statt auf einer klassischen Mailbox zu landen, sprechen Anrufende direkt mit der KI. Anliegen werden aufgenommen, strukturiert zusammengefasst und in die bestehenden Abläufe integriert. So entsteht ein digitales Front Office, das rund um die Uhr erreichbar bleibt, ohne zusätzliches Personal zu benötigen. Sicherheit und Datenschutz Im Gesundheitswesen sind Datenschutz und Vertraulichkeit besonders wichtig. Deshalb ist der fonial KI-Telefonassistent konsequent auf Sicherheit und Compliance ausgelegt: Alle Daten werden TLS-verschlüsselt übertragen, die Verarbeitung erfolgt ausschließlich in Rechenzentren in Deutschland. fonial ist ISO 27001-zertifiziert, DSGVO-konform und bereits auf den EU AI Act vorbereitet. Gesprächsinhalte werden nachvollziehbar dokumentiert und datenschutzkonform in bestehende Kundensysteme integriert – ein wichtiger Aspekt für Arztpraxen und andere medizinische Einrichtungen. Fazit KI-gestützte Telefonassistenten verändern die Erreichbarkeit im Gesundheitswesen nachhaltig. Sie entlasten Praxisteams, strukturieren Abläufe und sorgen dafür, dass keine Patientenanfrage verloren geht. Gleichzeitig lernen die Systeme kontinuierlich dazu, erkennen wiederkehrende Muster und passen sich an die Anforderungen medizinischer Einrichtungen an. Mit KI-Telefonassistenten stehen Arztpraxen und Gesundheitseinrichtungen Lösungen zur Verfügung, die professionelle Erreichbarkeit rund um die Uhr ermöglichen – ohne eigene IT-Abteilung und ohne grundlegende Veränderungen bestehender Systeme. So entsteht Schritt für Schritt ein Kommunikationssystem, das den Praxisalltag effizienter gestaltet und gleichzeitig mehr Zeit für das Wesentliche schafft: die Betreuung der Patienten. www.fonial.de/ki-telefonassistent Sobald ein Gespräch beginnt, greifen Spracherkennung und Sprachverarbeitung ineinander. Zusätzlich unterstützt der Assistent mehrere Sprachen wie Deutsch und Englisch. Ein Vorteil für Praxen mit internationaler Patientenschaft (Bild: fonial) Auch außerhalb der regulären Sprechzeiten bleibt das System aktiv. Anrufer sprechen direkt mit der KI. Anliegen werden aufgenommen, strukturiert zusammengefasst und in die bestehenden Abläufe integriert (Bild: fonial)

17 www.net-im-web.de 6-7/2026 KRITISCHE KOMMUNIKATION Cybersicherheit beginnt am Eingang Zutrittskontrolle im CRA-Zeitalter Sergii Levitov ist Lead Engineer bei Interflex Datensysteme GmbH und begleitet die CRA-Umsetzung seit 2024 Sergii Levitov NIS-2, KRITIS, Cyber Resilience Act: Das Thema Cybersicherheit ist für Betreiber, IT-Abteilungen und Sicherheitsbeauftragte in deutschen Unternehmen aktueller denn je – und war noch nie so anspruchsvoll wie heute. Der Cyber Resilience Act schafft Abhilfe, indem er die Verantwortung stärker auf Produktebene verlagert. Somit verpflichtet er Hersteller, Händler und Importeure, Cybersicherheit über den gesamten Produktlebenszyklus zu verankern. Obwohl Zutrittskontrollsysteme nur selten direkt mit Cybersicherheit in Verbindung gebracht werden, sind sie heute fester Bestandteil der IT-Sicherheitsarchitektur. Der Cyber Resilience Act (CRA) wurde als EU-weite Verordnung am 10. Dezember 2024 verabschiedet – und wird bis Jahresende 2027 schrittweise wirksam. Eine wichtige Zwischenetappe: Im September 2026 treten erste Meldepflichten für Schwachstellen und sicherheitsrelevante Vorfälle in Kraft. Die verbindlichen Cybersicherheits- und Compliance-Anforderungen für alle Produkte mit digitalen Elementen gelten ab Dezember 2027 – von sicherheitskritischen Industriesystemen bis zur eigenen Smartwatch. Hierfür gelten verschiedene Grundprinzipien – angefangen bei Security by Design und Security by Default. Doppelt abgesichert „Security by Design“ bedeutet, dass Sicherheit als fester Bestandteil des Entwicklungsprozesses mitgedacht wird – nicht als nachträgliche Aufrüstoption oder optionales Feature. Für Hersteller bedeutet das: Sicherheitsanforderungen fließen von Beginn an in die Produktarchitektur ein. Außerdem müssen Produkthersteller etwaige Schwachstellen systematisch identifizieren und bewerten, bevor sie ihr Produkt auf den Markt bringen. „Security by Default“ ergänzt dieses Prinzip mit Blick auf die Installation: Produkte müssen im Auslieferungszustand sicher konfiguriert sein, um aufwändige Sicherheitskonfigurationen von Betreiberseite zu verhindern. Beispiele hierfür sind etwa unsichere Standardpasswörter oder vermeidbare offene Dienste und Schnittstellen. Schwachstellen gezielt aufdecken Ergänzt werden diese Leitprinzipien durch ein prozessorientiertes Schwachstellenmanagement: Hersteller sind verpflichtet, bekannte Schwachstellen systematisch zu verfolgen, zu bewerten und verbindlich während eines klar definierten Supportzeitraums durch Sicherheits-Updates zu schließen. Obwohl die Produkthersteller Vernetzte Zutrittskontrollsysteme sind in vernetzte IT- und Gebäudemanagement-Systeme eingebunden und mit Videoüberwachung sowie Einbruchmelde- und Brandschutz-Systemen verwoben (Foto: Susanne Plank, Pixabay)

18 www.net-im-web.de 6-7/2026 Cybersicherheit beginnt am Eingang die betreffende Dauer selbst definieren, verlangt der CRA einen Supportzeitraum, welcher der voraussichtlichen Nutzungsdauer von mindestens fünf Jahren entspricht. Ergänzt werden diese Leitprinzipien durch einen risikobasierten Ansatz, Melde-, Support- und Aktualisierungspflichten sowie Konformitätsnachweise wie die CE-Kennzeichnung. Sinnvoll oder Frustfaktor? Der maßgebliche Unterschied zu NIS-2 und dem KRITIS-Dachgesetz liegt im Ansatz. Während die vorangegangenen Verordnungen betriebszentriert sind – und somit Prozesse, Verantwortlichkeiten und Meldewege auf Seiten der Betreiber festlegen –, setzt der CRA deutlich früher an. Er definiert technische und organisatorische Anforderungen entlang des gesamten Produktlebenszyklus – und diese müssen Hersteller, Importeure und Händler verbindlich einhalten. Betreiber selbst werden durch den CRA hingegen nicht zu Compliance-Vorgaben verpflichtet. Dennoch lohnt sich eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Thema: Erfüllen die Hersteller und Akteure entlang der Lieferkette ihre Pflichten nicht, erhöhen sie das Risiko für Sicherheitslücken in den betreffenden Unternehmen. Kurzum: Die EU-Verordnung ist nicht als isolierter Rechtsakt zu verstehen, sondern als gezielte Ergänzung der vorangegangenen Regulierungen. Dabei schließt sie eine produktseitige Lücke, die weder NIS-2 noch das KRITIS-Dachgesetz adressieren. Weil Produkte mit digitalen Elementen künftig nach definierten Sicherheitsstandards entwickelt, geliefert und mit Updates versorgt werden müssen, wird die Qualität der Lieferkette transparenter. Für Betreiber in Unternehmen entsteht somit deutlich mehr Planungs- und Investitionssicherheit – etwa bei der Beschaffung von sicherheitsrelevanten Technologien wie Zutrittskontrollsystemen. Durchgängige IT-Landschaft Heutzutage sind vernetzte Zutrittskontrollsysteme keine Randkomponenten in IT-Infrastrukturen, sondern agieren als Bindeglied zwischen physischer und digitaler Sicherheit. Das bedeutet: Sie sind vielerorts fest in vernetzte IT- und Gebäudemanagement-Systeme eingebunden und häufig eng mit Workforce-Management-Systemen, Sicherheitsleitständen, Videoüberwachung sowie Einbruchmelde- und Brandschutz-Systemen verwoben. Der CRA reguliert beide Seiten dieser Schnittstelle: zum einen HardwareKomponenten wie Controller, Terminals, Zutrittsleser und elektronische Türschlösser, zum anderen Software-Plattformen zur zentralen Steuerung und Verwaltung. Das ist für IT-Verantwortliche unmittelbar relevant: Jede Komponente eines Zutrittskontrollsystems, die digitale Elemente enthält, fällt in den Anwendungsbereich der EU-Verordnung. Sicherheitsrisiken betreffen dabei nicht nur einzelne Komponenten, sondern können den Betrieb am jeweiligen Standort substanziell gefährden – beispielsweise im Falle kompromittierter RFID-Technologien oder manipulierter Türsteuerungen. In kritischen Infrastrukturen wie Krankenhäusern, Energieversorgern oder Verkehrsleitstellen können Ausfälle im Extremfall sogar die öffentliche Sicherheit beeinträchtigen. Damit wird deutlich: Nicht nur zentrale Zutrittspunkte, sondern auch Nebenschauplätze der Zutrittssicherheit verdienen mehr Aufmerksamkeit – und erfordern eine gesamtheitliche Betrachtung. Offline-Lösungen Offline-gesicherte Türen kommen vor allem dort zum Einsatz, wo eine permanente Online-Anbindung nicht möglich oder wirtschaftlich unvorteilhaft ist – beispielsweise in wenig frequentierten Bereichen wie Technik- oder abgelegenen Lagerräumen. Doch auch ohne permanente Netzwerkverbindung sind sie nicht als isoliertes System zu betrachten: Ihre Firmware muss genauso systematisch verwaltet und aktualisiert werden wie bei Komponenten mit Online-Vernetzung. Compliance-Fundament Wer Cybersicherheit nur punktuell – anhand einzelner Geräte oder Teilbereiche – bewertet, riskiert Brüche bei Zutrittskontrollsysteme werden häufig als einfacher Ersatz für ein mechanisches Schloss gesehen, obwohl es sich hierbei um hochvernetzte Technik in umfangreichen IT-Landschaften handelt (Foto: Interflex, Philip Kottlorz)

19 6-7/2026 www.net-im-web.de Cybersicherheit beginnt am Eingang Konfiguration, Sicherheitsvorgaben und Nachweisführung. Ein ganzheitlicher Ansatz mit zentral gesteuerter Plattform hingegen vereinheitlicht Sicherheitsvorgaben systemweit, koordiniert Update- und Patch-Prozesse nachvollziehbar und protokolliert sicherheitsrelevante Ereignisse zentral und revisionssicher. Die Management- und Systemplattform IF‑6040 von Interflex bündelt Steuerung, Konfiguration und Überwachung aller Zutrittskomponenten auf einer Oberfläche. Für Audit- und Compliance-Zwecke stellt das System eine vollständige Übersicht der Firmware‑Stände aller angebundenen OnlineKomponenten bereit – ob Online-Wireless oder Online-Wired. Somit lässt sich auf einen Blick nachvollziehen, welche Komponenten ein Firmware- bzw. Sicherheits-Update benötigen. Auch bei OfflineKomponenten ist es künftig möglich, eine effiziente, systemseitige Überwachung und Firmware-Updatefähigkeit herzustellen. Für Betreiber entfällt somit die Notwendigkeit, einzelne Komponenten manuell zu prüfen. Schaltzentrale IF-6040 Das System IF-6040 liefert zentrale Funktionen für Zutrittssteuerung und -berechtigungen – und rückt die physische Sicherheit in Unternehmen in den Fokus, indem sie sicherheitsrelevante Ereignisse protokolliert. Schnell exportierbare Reports und Recherche-Funktionen für Bewegungsdaten schaffen zudem eine belastbare Basis für interne ComplianceAnforderungen. Hinzu kommt, dass die IF-6040 eine strukturelle Lücke schließt, die bei Systemen mit gemischtem Online-Offline-Betrieb häufig entsteht. So lassen sich neben den Online- auch Offline-Lösungen wie die batteriebetriebene Variante Opendor card an das System anbinden. Diese wird durch regelmäßige Berechtigungs-Updates – etwa beim Beschreiben des RFID-Ausweises – mit aktuellen Zutrittsrechten bespielt. Die IF-6040 stellt auf diese Weise sicher, dass auch selten genutzte Zugangspunkte lückenlos in das bestehende Zugangsmanagement einbezogen werden. Nachdem die Funktionsweise und das Zusammenspiel der CRA-vorbereiteten Lösungen erläutert wurden, bleibt noch eine Frage offen: Wie ist mit nicht-konformen Lösungen umzugehen? Ein Ansprechpartner Nicht alle Komponenten bestehender Zutrittskontrollsysteme lassen sich technisch auf einen CRA‑konformen Stand bringen. Läuft der Supportzeitraum für die betreffenden Produktlösungen aus, kann der Hersteller die Aktualisierung der Geräte vollständig einstellen. Für Betreiber solcher Lösungen bedeutet das: Die Anlagen entsprechen möglicherweise nicht mehr den eigenen Sicherheitsvorgaben, und Prüfungen fallen zunehmend kritisch aus. Spätestens ab Dezember 2027 sind dahingehende Lösungen nicht mehr verfügbar und passende Ersatzteile werden knapp oder zunehmend gar nicht mehr erhältlich sein. Für eine bestmögliche Absicherung sollten Betreiber also frühzeitig bei ihrem Lieferanten nachfragen, ob eingesetzte oder geplante Produkte auch nach Dezember 2027 noch im Portfolio verfügbar sind. Die Qual der Anbieterwahl Obwohl der CRA die Produkthersteller und Akteure entlang der Lieferkette in die Pflicht nimmt, ist die Anbieterwahl kein Selbstläufer. Zusätzlich zu den technischen Produktmerkmalen gilt es nämlich auch zu überprüfen, wie transparent Anbieter ihre Lieferkette nach außen kommunizieren – beispielsweise, indem sie den Supportzeitraum klar definieren. Wer seine Lösungen von Anbietern bezieht, die – wie im Fall von Interflex – alles aus einer Hand anbieten, entlastet die ohnehin stark beanspruchten IT- und Sicherheitsteams im Arbeitsalltag deutlich. Im Falle technischer Probleme findet sich der passende Ansprechpartner sofort, ohne Zuständigkeitslücken entlang der Lieferkette. Wer stattdessen auf den falschen Anbieter setzt, riskiert Engpässe, teure Nachrüstungen und im Extremfall sogar den kostspieligen Austausch kompletter Systeme. Analog war gestern Vernetzte Zutrittskontrolllösungen sind nur ein Beispiel dafür, wie Produkte künftig CRA-konform gestaltet werden können. Sie eignen sich besonders gut, weil viele Komponenten ineinandergreifen. Obwohl es sich hierbei um hochvernetzte Technik handelt, werden Zutrittskontrollsysteme noch häufig verkannt und als einfacher Ersatz für ein mechanisches Schloss gesehen – dabei sind sie längst integraler Bestandteil der IT-Landschaft in deutschen Unternehmen. Ein sicheres, transparentes Zutrittskontrollsystem aus einer Hand verhindert, dass die Sicherheitsarchitektur in Unternehmen oder Behörden zum Kartenhaus wird. https://interflex.com Sergii Levitov Die EU-Verordnung ist kein isolierter Rechtsakt, sondern Ergänzung der vorherigen Regulierungen. Sie schließt eine produktseitige Lücke, die weder NIS-2 noch das KRITIS-Dachgesetz adressieren

6-7/2026 23 www.net-im-web.de DATEN- UND RECHENZENTREN Thomas Borg, Oliver Ulke Die Digitalisierung von Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft führt zu einem kontinuierlich steigenden Bedarf an leistungsfähiger, sicherer und vor allem regional verfügbarer Rechenleistung. Der öffentliche Diskurs konzentriert sich meist auf die großen Hyperscaler, die den globalen Markt prägen. Dabei wird oft übersehen, dass parallel dazu ein ebenso bedeutsamer Bedarf entsteht: jener nach dezentralen, regionalen Rechenzentren für den Mittelstand, für Kommunen, für kritische Infrastrukturen und öffentliche Einrichtungen. Gerade in diesem Segment kommt den Stadtwerken und kommunalen Energietöchtern eine Schlüsselrolle zu. Thomas Borg ist Senior Consultant Data Center bei Netceed. Oliver Ulke betreut beim BREKO die ostdeutschen Bundesländer in Fragen der Landes- und Kommunalpolitik und verantwortet die Projektgruppe Rechenzentren Stadtwerke als Colocation-Betreiber Digitale Infrastruktur, Energiewende und kommunale Wertschöpfung Die Energieversorger bringen Voraussetzungen mit, die den Betrieb moderner Rechenzentren erst tragfähig machen: Kompetenz in der Energieversorgung, vorhandene Netzanschlüsse, kommunale Verankerung, Infrastruktur-Know-how und langjährige Erfahrung im Betrieb kritischer Versorgungssysteme. Die Verbindung von digitaler Infrastruktur und Energieversorgung eröffnet ihnen Geschäftsmodelle, die weit über die klassische Strom-, Gas- und Wärmeversorgung hinausgehen. Aus Sicht von Netceed, als weltweit führender Anbieter von Supply-Chain-Lösungen für Netzwerkinfrastrukturen, und BREKO ist diese Entwicklung mehr als ein neues Marktsegment – sie ist ein Baustein der digitalen Souveränität Deutschlands und verdient einen verlässlichen, investitionsfreundlichen politischen Rahmen. Die digitale Transformation Der deutsche Mittelstand steht unter erheblichem Transformationsdruck. Die Digitalisierung von Produktionsprozessen, der Einsatz von KI-Anwendungen und Datenanalysen sowie die Vernetzung von Lieferketten verlangen eine leistungsfähige digitale Infrastruktur. Hinzu kommen steigende Anforderungen an die Cybersicherheit. Viele Unternehmen möchten ihre Daten jedoch nicht ausschließlich bei internationalen Cloud-Anbietern speichern, sei es aus Gründen des Datenschutzes, der Datensouveränität und der Compliance oder schlicht, weil kurze Latenzzeiten, hohe Verfügbarkeit und ein regionaler Ansprechpartner für ihr Geschäft entscheidend sind. Regionale ColocationRechenzentren bieten hier eine überzeugende Lösung: Sie ermöglichen es Unternehmen, eigene Server oder hybride Cloud-Lösungen in professioneller Umgebung effizient zu betreiben und die Hoheit über die eigenen Daten jederzeit zu wahren. Stadtwerke genießen ein traditionell hohes Ansehen in der Bevölkerung und bei der regionalen Wirtschaft. Regionale Rechenzentren sind damit ein digitales und ein struktur- und standortpolitisches Instrument (Foto: Bente Jønsson, Pixabay)

24 6-7/2026 www.net-im-web.de Stadtwerke als Colocation-Betreiber Ähnlich verhält es sich bei den Kommunen. Durch das Onlinezugangsgesetz, Smart-City-Vorhaben, digitale Bürgerdienste, Verkehrs- und Umweltmanagement, digitale Schulen und E-Government entstehen große Datenmengen, die sicher verarbeitet und gespeichert werden müssen. Städte und Gemeinden suchen dafür zunehmend regionale, DSGVO-konforme Lösungen mit hoher Datensicherheit und gesicherter Souveränität. Stadtwerke können hier als kommunale Infrastrukturpartner auftreten und digitale Dienste aus einer Hand bereitstellen – verlässlich, ortsnah und in öffentlicher Verantwortung. Prädestinierte Colocation-Betreiber Stadtwerke verfügen über Eigenschaften, die sie zu natürlichen Favoriten für den Betrieb regionaler Rechenzentren machen. Vieles, was andere Akteure erst mühsam aufbauen müssen, ist bei ihnen bereits vorhanden: Stromnetze und Umspannwerke, Glasfaser- und Fernwärmenetze, geeignete Grundstücke sowie eingespielte Betriebsführungs- und Bereitschaftsstrukturen. Aus dieser Ausgangslage ergeben sich erhebliche Synergien, die sowohl die Wirtschaftlichkeit als auch die Nachhaltigkeit eines Rechenzentrums verbessern. Hinzu kommt ein Faktor, der sich schwer beziffern, aber kaum überschätzen lässt: Vertrauen. Stadtwerke genießen ein traditionell hohes Ansehen in der Bevölkerung und bei der regionalen Wirtschaft. Die räumliche und institutionelle Nähe schafft Glaubwürdigkeit. Dies ist besonders bei sensiblen Beständen – wie kommunalen Daten, Gesundheits-, Produktions- oder Forschungsdaten – von zentraler Bedeutung. Schließlich bleibt die Wertschöpfung in der Region: Investitionen, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und technologisches Know-how verbleiben vor Ort, statt an internationale Plattformen abzufließen. Regionale Rechenzentren sind damit nicht nur ein digitales, sondern auch ein struktur- und standortpolitisches Instrument. Teil der Daseinsvorsorge Rechenzentren entwickeln sich zu einer neuen Form kommunaler Daseinsvorsorge und rücken damit in den Anwendungsbereich der KRITIS-Regulierung. Ähnlich wie Strom-, Wasser- und Abwasserversorgung oder Telekommunikation werden digitale Dienste zu einem unverzichtbaren Bestandteil des modernen Gemeinwesens. Wo Krankenhäuser, Verkehrssysteme, die Energieversorgung, die Verwaltung oder der Katastrophenschutz auf digitale Prozesse angewiesen sind, steigen die Anforderungen an die Verfügbarkeit und die Datensicherheit der zugrunde liegenden IT-Infrastruktur erheblich. Regionale Betreiber aus dem Stadtwerkeumfeld können diesen Anforderungen in besonderer Weise gerecht werden – bis hin zu redundanten Standorten. Zwischen Anspruch und Erfüllung Der politische Rahmen für Rechenzentren wird zunehmend von Klimaschutz- und Energieeffizienzvorgaben geprägt. Auf europäischer Ebene verfolgt der Green Deal das Ziel der Klimaneutralität bis 2050. Die überarbeitete Energieeffizienzrichtlinie (EED) verpflichtet größere Rechenzentren zu mehr Transparenz beim Energie- und Wasserverbrauch, zur Offenlegung von Effizienzkennzahlen und zum Nachweis der Abwärmenutzung. Die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) erhöht den Dokumentationsdruck zusätzlich und macht Colocation-Anbieter zu wichtigen Partnern ihrer berichtspflichtigen Kunden. Der BREKO unterstützt das Ziel energieeffizienter und nachhaltiger Rechenzentren. Entscheidend ist jedoch, wie die Vorgaben ausgestaltet werden. Mit dem nationalen Energieeffizienzgesetz (EnEfG) hat Deutschland Anforderungen eingeführt, Oliver Ulke Der jüngste Referentenentwurf zur Beschleunigung der Umsetzung der EED weist mit der Anhebung des Anwendungsschwellenwerts und der maßvollen Anpassung der PUE-Vorgaben in die richtige Richtung Rechenzentren entwickeln sich zu einer neuen Form kommunaler Daseinsvorsorge und rücken damit in den Anwendungsbereich der KRITIS-Regulierung. Digitale Dienste werden zum Bestandteil des Gemeinwesens (Foto: Keysi Estrada, Pexels)

25 6-7/2026 www.net-im-web.de Stadtwerke als Colocation-Betreiber die die europäischen Mindeststandards teils deutlich übertreffen. Der jüngste Referentenentwurf zur Beschleunigung der Umsetzung der EED weist mit der Anhebung des Anwendungsschwellenwerts und der maßvollen Anpassung der PUE-Vorgaben in die richtige Richtung. Aus Sicht des BREKO bleiben gleichwohl zentrale Schwächen bestehen, die gerade kleine, regionale und mittelständische Betreiber überproportional belasten. Erstens dürfen Effizienzvorgaben nicht an Bezugsgrößen anknüpfen, die im Colocation-Modell systematisch ins Leere laufen. Die Nennanschlussleistung der Kunden-IT ist dem Betreiber regelmäßig nicht bekannt und verändert sich laufend. Sachgerecht ist allein die Anknüpfung an den tatsächlichen Leistungsbedarf, der aus dem gemessenen Vorjahresverbrauch ermittelt werden kann. Zweitens sehen wir starre PUE-Grenzwerte (PUE ist der Gesamtenergieverbrauch des Rechenzentrums geteilt durch den Energieverbrauch der IT-Systeme, dabei gilt 1,2 bis 1,4 schon als sehr gut.) für Bestandsanlagen kritisch: Was für jüngst geplante Anlagen erreichbar ist (hier sollte ein PUE von unter 1,3 angestrebt werden), lässt sich bei älteren, oft massiv errichteten Gebäuden vielfach nicht oder nur mit unverhältnismäßigem Aufwand verwirklichen. Werden solche Standorte stillgelegt, droht der Rückzug der Kunden in den Eigenbetrieb – ohne jede Effizienz- und Nachhaltigkeitsbindung. Das wäre unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten ein echter Rückschritt. Für Bestandsanlagen fehlen zudem entsprechende europäische Vorgaben; schärfere nationale Pflichten wirken als Gold-Plating, das dem erklärten Ziel des Bürokratieabbaus zuwiderläuft und den Standort Deutschland im europäischen Wettbewerb schwächt. Die Maßnahmen für eine PUEOptimierung können dabei sehr vielfältig sein und müssen immer projektbezogen betrachtet werden. Strategische Bedeutung Für Stadtwerke eröffnet der Betrieb regionaler Colocation-Rechenzentren weit mehr als zusätzliche Erlösquellen aus Rack-Vermietung, Managed Services oder Cybersicherheitsangeboten. Er stärkt die kommunale Souveränität durch regionale Datenhaltung und eine sichere Verwaltungs-IT, er verringert die Abhängigkeit von internationalen Plattformen, und er erhöht die Attraktivität des Standorts für eine zunehmend digitalisierte regionale Wirtschaft. Damit fügt sich das Modell in die übergeordnete politische Linie ein: Die im März 2026 vom Bund verabschiedete Nationale Rechenzentrumsstrategie bekennt sich ausdrücklich zur Förderung regionaler und dezentraler Ansiedlungen. Dieses Bekenntnis muss sich nun in Regulierung und Genehmigungspraxis konkret niederschlagen. Schlüssel zur Nachhaltigkeit Bislang wird die Abwärme von Rechenzentren traditionell an die Umgebung abgegeben. Dabei entstehen erhebliche Energieverluste. Moderne Rechenzentren wandeln dagegen nahezu die gesamte elektrische Energie in Wärme um. Vereinfacht gilt: 1 kWh Strom entspricht nahezu 1 kWh Wärme. Diese Wärme ist eine wertvolle Ressource. Durch vorhandene Nah- und Fernwärmenetze können Stadtwerke die Abwärme von Rechenzentren direkt nutzen. Mögliche Abnehmer sind beispielsweise Wohngebiete, Schulen, Krankenhäuser, Verwaltungsgebäude, Gewerbegebiete und Schwimmbäder. Dadurch entsteht ein integriertes Energie- und Datenökosystem als regionale Notwendigkeit der ganzheitlichen Energiebetrachtung. Das Rechenzentrum entwickelt sich vom Stromverbraucher zum Wärmeproduzenten. Die Abwärme kann beispielsweise über Wärmepumpen, Niedertemperaturnetze oder Fernwärmesysteme wirtschaftlich genutzt werden. Die CO₂- Bilanz, die Wirtschaftlichkeit, die Energieeffizienz und die Versorgungssicherheit verbessern sich dadurch gleichermaßen. Fazit Die Rolle der Stadtwerke wandelt sich grundlegend. Neben Strom, Gas, Wasser und Wärme entwickelt sich die digitale Infrastruktur zu einem weiteren Pfeiler der kommunalen Daseinsvorsorge und eröffnet ihnen neue Erlösquellen. ColocationRechenzentren erlauben es Stadtwerken, ihre bestehende Infrastruktur sinnvoll zu erweitern und zugleich die Digitalisierung von Mittelstand und Kommunen voranzutreiben – regional verankert, souverän und in öffentlicher Verantwortung. Ob dieses Potenzial gehoben wird, hängt wesentlich vom politischen Rahmen ab. Der BREKO wirbt für eine Regulierung, die ambitionierten Klimaschutz mit wirtschaftlicher Vernunft verbindet, die regionale und mittelständische Anbieter nicht benachteiligt und die Rechenzentren konsequent als kritische Infrastruktur und als aktiven Bestandteil der Energiewende begreift. Gelingt dies, werden regionale Rechenzentren zu einem tragenden Element einer resilienten, nachhaltigen und souveränen digitalen Infrastruktur in Deutschland. www.netceed.com www.brekoverband.de Thomas Borg Regionale Colocation-Rechenzentren ermöglichen es Unternehmen, eigene Server oder hybride Cloud- Lösungen in professioneller Umgebung zu betreiben und die Hoheit über die eigenen Daten zu wahren

41 www.net-im-web.de 6-7/2026 NETZE Bernhard Reimann Der Glasfaserausbau in Deutschland macht Fortschritte, doch in vielen Firmengebäuden endet die Highspeed-Leitung am Hausanschluss. Nur 31 Prozent der Unternehmen verfügen über eine durchgängige Glasfaserverkabelung im Gebäude. Das zeigt die aktuelle YouGov-Studie „Digitalisierung 2026“ im Auftrag von 1&1 Versatel, für die 533 Entscheidungsträger in deutschen Unternehmen befragt wurden. Bernhard Reimann ist Chefredakteur der NET Glasfaserausbau nicht zu Ende gedacht Nur jedes dritte Unternehmen nutzt Glasfaser bis zum Arbeitsplatz Statt auf Glasfaser setzen viele Unternehmen auf Übergangslösungen für ihre Internet-InhausAnbindung: 17 Prozent verlassen sich allein auf WLAN, 14 Prozent nutzen Ethernet-Kabel, 10 Prozent Mischformen aus Kupfer und Glasfaser und fünf Prozent ausschließlich Kupferleitungen. Damit setzen zahlreiche Unternehmen auf Technologien, die das Potenzial eines High-Speed-Glasfaseranschlusses nicht vollständig ausschöpfen. Die digitale Leistungsfähigkeit scheitert somit nicht mehr am Hausanschluss, sondern auf den letzten Metern innerhalb des Gebäudes. „Der Glasfaseranschluss im Keller ist nur die halbe Miete“, erklärt Frank Rosenberger, CEO bei 1&1 Versatel. „Wer Cloud-Dienste, KI-Anwendungen und Videokonferenzen effizient und mit erstklassiger Customer-Experience nutzen will, braucht durchgängig hohe Bandbreiten bis zum Endgerät.“ Modernisierung aufgeschoben Als größte Hürden für die Modernisierung der Gebäudeinfrastruktur nennen Unternehmen in der Studie von 1&1 Versatel hohe Investitionskosten (42 Prozent), befürchtete Betriebsunterbrechungen (29 Prozent) und bauliche Einschränkungen (28 Prozent). Auch organisatorische Faktoren spielen eine Rolle: 19 Prozent der Unternehmen sehen die fehlende Zustimmung des Eigentümers und ebenso 19 Prozent mangelndes internes Know-how als Hindernis. Gleichzeitig sehen aber 82 Prozent der Befragten einen fehlenden Zugang zu leistungsstarkem Internet als Risiko für die eigene Zukunftsfähigkeit. 78 Prozent der Unternehmen finden die Verlegung des Firmenstandorts für mehr Bandbreite nachvollziehbar. Immerhin will fast ein Viertel der Unternehmen in den kommenden zwei Jahren auf Glasfaser im Gebäude umsteigen, weitere 12 Prozent planen hybride Lösungen. Für 1&1 Versatel zeigt sich darin ein strukturelles Umdenken im Markt: Digitale Transformation entscheidet sich zunehmend an der Infrastrukturqualität – nicht nur an Software oder Tools. Der auf Geschäftskunden spezialisierte Glasfaseranbieter begleitet Unternehmen und öffentliche Einrichtungen deutschlandweit beim Aufbau skalierbarer Netze – vom dedizierten Anschluss über die Gebäudeverkabelung bis zur sicheren Standortvernetzung und Cloud-Anbindung. www.1und1.net Als größte Hürden für die Modernisierung der Gebäude- infrastruktur sehen Unternehmen hohe Investitionskosten (42 Prozent), befürchtete Betriebsunterbrechungen (29 Prozent) und bauliche Einschränkungen (28 Prozent) (Grafik: 1&1)

44 www.net-im-web.de 6-7/2026 NETZBETREIBER UND -DIENSTE Mehr als nur eine Bestandsaufnahme 3D-Vermessung wird zur Echtzeit-Qualitätskontrolle im deutschen Bauwesen Christoffer Winquist ist CEO bei Groundhawk Christoffer Winquist 5,7 Millionen Kilometer Kabel und Rohre durchziehen den Untergrund deutscher Städte und Gemeinden. Wenn es um den Ausbau von Glasfaser, Stromnetzen und Versorgungsleitungen geht, sind 3D-Scanning und digitale Dokumentation feste Bestandteile jedes Projekts. Zu wissen wo die Leitungen liegen, ist nur die halbe Miete. Die Branche tut sich nach wie vor schwer damit, die Qualität der Ausführung zu kontrollieren. Bauschäden an diesen Leitungen. Fast 20% davon sind auf Ausführungs- und Montagefehler zurückzuführen. Das zeigt eine umfassende Untersuchung des Bauversicherers VHV, durchgeführt vom Institut für Bauforschung e.V. (IFB). Solche Fehler lassen sich durch eine systematische Qualitätskontrolle vermeiden. Groundhawk vermeidet Fehler Die Lösung liegt nicht in neuen Technologien, sondern in deren verbessertem Einsatz. Durch neue KI-Funktionen und optimierte Datenübertragung haben sich Vermessungstechnologien rasant weiterentwickelt. Hochdetaillierte Daten können heute mit Hilfe von 3D-Scanning mit Groundhawk in Echtzeit an die Projektleitung übermittelt werden und eröffnen neue Möglichkeiten für die Qualitätskontrolle. Werden in einem Wohngebiet neue Glasfaserkabel in unmittelbarer Nähe zu bestehenden Strom- und Abwasserleitungen verlegt, lässt sich mit Groundhawk im 3D-Verfahren zunächst die genaue Lage der bestehenden Infrastruktur erfassen und der gesamte Verlauf in Echtzeit an die Projektleitung zu übermitteln. Fehler werden so Mit Groundhawk können Erdkabel direkt im offenen Graben kartiert und dokumentiert werden. Die Informationen lassen sich sofort an die Leitstelle zur Überprüfung und Koordination weiterleiten (Foto: Groundhawk) bereits im Entstehungsprozess erkannt und korrigiert, solange der Graben noch offen ist. So wird die fehlerfreie Ausführung im ersten Anlauf zum kalkulierbaren Standard. Aktives Qualitätsmanagement Der Übergang von der passiven Dokumentation zum aktiven Qualitätsmanagement ist der nächste Schritt in der digitalen Transformation des Bauwesens. Deutschland könnte kaum besser aufgestellt sein, um diesen Schritt zu gehen: Die Prozesse sind erprobt, die Werkzeuge vorhanden. Netzausbauer und Betreiber, die ihr über Jahre aufgebautes Know-how mit modernen digitalen Werkzeugen verknüpfen, können zeigen, dass Tiefbau heute sowohl effizient als auch qualitätssicher funktioniert. Die Herausforderung liegt nicht in neuen Technologien, sondern darin, die bestehenden voll auszuschöpfen und Qualität vom ersten Spatenstich an zur Priorität zu machen. www.groundhawk.io/de-de/ Die Möglichkeiten moderner Vermessungstechnik sind noch lange nicht ausgeschöpft. Der nächste Schritt ist die Echtzeit-Qualitätskontrolle mit enormem Einsparpotenzial. Die Kosten der Intransparenz Was nützt eine präzise Planung, wenn die Leitung an den falschen Ort verlegt wurde? Eine detaillierte Dokumentation ist zwar nützlich, jedoch kein Garant für fehlerfreie Ausführungen. Eine Abweichung von wenigen Metern bei der Kabelverlegung kann ein Projekt zum Verlustgeschäft machen. Verzögerungen und Ausfälle kosten die Gesellschaft jährlich Millionen Euro. Obwohl die Lage der meisten Kabel und Rohre digital erfasst ist, entstehen rund 85% aller

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